Musikalische Improvisationen zu Werken Paul Klees

Prof. W. Bezler am Konzertflügel
und an Schlaginstrumenten


Ausstellung in der Steinturnhalle, Leonberg
Samstag, 20 März 2004
Schrill trillern Paul Klees Vögel

Die Handkurbel schwebt mitten auf der Bildfläche. Auf ihr sitzen in einer Reihe vier Vögel. Sie wartet darauf, bedient zu werden. Das melodische Zwitschern vergangener Romantik hat die technoide Gesellschaft längst automatisiert. Mit einer klanglichen Bildinterpretation erschloss Willibald Bezler am Samstagabend mit Klavier und Schlaginstrumenten die Aquarell- und Ölfarbenzeichnung "Die Zwitscher-Maschine'' von Paul Klee.

Von Guntram Zürn

Der Galerieverein lud ein, dem Klang der Bilder Paul Klees in der Steinturnhalle nachzuspüren. Die Veranstaltung eröffnete einen anregenden Zugang zum Werk des Künstlers. Mit einem Beamer wurden großflächig elf Bilder des Malers projiziert. Im Mittelpunkt stand aber die Auslegung der Kunstwerke durch Willibald Bezler. Er ist seit 1985 Professor für Orgelimprovisation an der Musikhochschule in Stuttgart und wurde 2002 mit dem Kompositionspreis Kirchenmusik des Landes Baden-Württemberg geehrt. Seine freien Improvisationen ergänzten kurze, von Eva Ott vorgetragene Texte, die zum größten Teil aus den Tagebüchern Paul Klees stammten.

Darin berichtete bereits der Abiturient Paul Klee über seinen Musikhunger. Klee selbst spielte passioniert Geige. Aus seiner Zeit am Bauhaus ist überliefert, dass er täglich übte. Seine Frau war Pianistin, der Vater Musiklehrer und die Mutter ausgebildete Sängerin. Die klangliche Auseinandersetzung mit dem Werk Paul Klees ist darum eine besondere Herausforderung.

Auf den Spuren des Geigers Klee strich Bezler mit dem Geigenbogen beim Bild "Pflanzen'' über seine Perkussionsinstrumente. Dies wirkte wie eine bedächtige und träumerische Erkundung der hell schallenden Zimbeln oder der sonor tönenden Klangschale. Bezler schlug verschiedene Wege ein um die Suggestionskraft der Bildsprache Klees in Klangsprache zu übersetzen. Seine Auslegung konzentrierte sich auf das musikalische Empfinden des Bildausdrucks. Diese Synästhesie funktionierte besonders bei Klees abstrakten Werken. Bei der "Fuge in Rot'' entfalten sich auf schwarzem Grund zahlreiche rot-gelbliche Flächen. Bezler übertrug diese malerische Entwicklung mit einnehmend variierten Klangfiguren.

In seinen Improvisationen unterlegte Bezler den Bildern auch Biografisches. Kurz nach Paul Klees Ägyptenreise entstand "Tanz eines trauernden Kindes''. Die feinen blauen Linien lassen sich als Nil deuten. Dessen ungewisse Tiefen drückte Bezler aus, indem er mit einem Schlegel über sämtliche Saiten des Flügels strich. Wie bedrängendes Unbehagen wirkte diese Klangdichte. Dem Surrealisten Klee rückte der Pianist noch näher. Dem phantasmagorischen Tanz spürte er mit einem originellen Mittel nach: Oft werden Töne auch beim Jazz mit einer unter die Saiten gespannten Folie verzerrt. Bezler spielte tänzerisch-einfühlsam und beschwingt abwechselnd im Bereich der verzerrten und der klaren Töne.

Konventionell legte Bezler Klees letztes Stillleben "Ohne Titel'' aus. Er zauberte eine sich weit ausbreitende atmosphärische Fläche, die in temperamentvolle Akkorde mündete. Für Sphärenklänge des 1940 verstorbenen Klee sorgte ein Glasspiel.

Am spielerischsten interpretierte Bezler die "Zwitscher-Maschine''. Mit Vogelpfeife, Trillern und dem schrillen, scheppernden Flexatom ließ er die Vögel rein und dann entfremdet zwitschern. Die technokratischen Tierchen sitzen auf der sich drehenden Stange der Handkurbel. Sie stellt Bezler durch ein rasches und kreisförmiges Motiv mit der rechten Hand am Flügel dar. Das Publikum in der voll besetzten Halle lauschte gebannt und applaudierte anhaltend.

Leonberger Kreiszeitung, 23. März 2004