SINGLED OUT

AUSERLESEN


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Elisabeth Smolarz, "where to go?"
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Durch das Objektiv lenkt sie den Blick von unten hoch

Ihnen fehlt der Überblick. Kleine Menschen müssen meistens an irgendetwas vorbeigucken: an Kotflügeln, Tischbeinen, Karussellpferden, Plastiktüten. Auch das zeigt die Fotografin und Malerin Elisabeth Smolarz. Am Dienstag bestritt sie Teil 3 der Reihe "Singled out - Auserlesen'' im Galerieverein, in der sich junge Kunststudenten und Künstler dem Publikum (vor-)stellen.
Von Friederike Voß

Diese Reihe lebt von der Gesprächsbereitschaft der Künstler, das wurde am Dienstag deutlich. Denn Elisabeth Smolarz nimmt nicht nur mit dem Objektiv ihres Fotoapparates und ihrer Videokamera Menschen ins Visier und greift den humanen Blick auf. Sie setzt sich auch mit ihren Zeitgenossen offen und direkt auseinander. So wurde denn Teil 3 zum bislang lebendigsten Abend der Reihe, die noch bis 30. April an jedem zweiten Abend einen anderen Kreativen mit seinen Arbeiten vorführt. Mit zwei Fotoserien und einer ebenso aufschlussreichen wie witzigen Videoproduktion über junge Deutsche in New York war Elisabeth Smolarz, die just letzte Woche ihr Examen bei Marianne Eigenheer an der Stuttgarter Kunstakademie bestanden hat, angereist.

Schenkt man ihrer Fotoserie "Lower level'', zu Deutsch: niedrigere Ebene, Glauben, dann ist dieser Blick der kleinen Menschen ein durchaus grafisch-ästhetischer. "Man verlernt das Runtergehen'', sagt Smolarz zu diesen Arbeiten, mit denen sie eine Erinnerung an die Kindheitssicht künstlerisch konstruiert. Denn wohl kaum jemand weiß noch tatsächlich, wie er damals, als er kaum einen Meter maß, die Welt in den Blick bekam. Hockend ausharren muss sie, wenn Smolarz diese Fotos einfangen will. Die Bildidee ist da, nur muss sie irgendjemand, irgendetwas komplettieren. Und das ist nicht die Fotografin selbst, sondern zum Beispiel jenes ausgebeulte Hosenbein oder ein Obstnetz, die in das Bild geraten. Viel stärker als in der Reihe "Die konstruierte Identität'' stehen Komposition und Farbigkeit in diesen Bildern im Vordergrund. Ein Zeichen dafür, dass sich Elisabeth Smolarz, wie sie erzählt, jetzt wieder mehr der Malerei, von der sie eigentlich kommt, zuwenden wird. "Wir leben viel zu schnell'', sagt sie, "sind ungeduldig geworden.'' Welche Kunst aus diesem durchaus zivilisationskritischen Gedanken fließen wird, bleibt abzuwarten.

Gruppendynamik, Kommunikation zwischen Künstler und Porträtierten, Selbst- und Fremdinszenierung: Stichworte, die im Gespräch über die Fotoreihe "Die konstruierte Identität'' fallen. Elisabeth Smolarz hat Gruppen in Parks, auf Plätzen, in Unterführungen, kurz im öffentlichen Raum, gefunden: drei Jungen mit Inline-Skates und Kickboards vor einer Graffiti-Wand, drei Mädchen auf dem Dach eines Spielhauses, eine Gruppe junger Leute fläzt sich am Strand. Eine Gruppe New Yorker Polizisten wirft sich in Pose. Und alle schenken sie der Fotografin Aufmerksamkeit, stellen sich fürs Foto hin. "Wir identifizieren uns doch alle in Gruppen'', erklärt Smolarz, "das fängt früh in der Familie an.'' Das geht aber weiter: da sind der Fußballverein, die Kollegen, die Bundeswehr, die besten Freunde, die Clique. Wie zufällig getroffen und dann für kurze Zeit gestellt wirken diese Gruppenporträts. Momentaufnahmen von Alltagssituationen, an der Grenze zur Inszenierung. Aber auch ausgereizt, wie Elisabeth Smolarz zugibt. Deshalb der neuerliche Wechsel von der Kamera zum Pinsel.

"Singled out'' geht heute um 19 Uhr im Galerieverein weiter mit dem Kunststudenten Wolfgang Neumann und seiner spannenden figurativen Malerei, die einigen Hintersinn birgt. Am Samstag um 19 Uhr stellt dann Stefan Knaus, ebenfalls wie Neumann Student an der Stuttgarter Akademie bei Cordula Güdemann, seine Zeichnungen und Fotografien vor. Beider Arbeiten sind jeweils am Folgetag, also am Freitag beziehungsweise Sonntag, von 9 bis 18 Uhr zu sehen.

25. April 2002, Leonberger Kreiszeitung
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